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FAKTEN & FOLGEN
Unabhängig. Kritisch. Mit Folgen.

Zwei Landtagswahlen an einem Abend. Zwei sehr unterschiedliche Länder. Zwei Ergebnisse, die sich kaum deutlicher unterscheiden könnten. Und trotzdem erzählen sie dieselbe Geschichte. In Mecklenburg-Vorpommern kommt die AfD nach der Hochrechnung von 23.02 Uhr auf 38,3 Prozent. Plus 21,6 Prozentpunkte. Die SPD erreicht 35,4 Prozent, die CDU 4,9 Prozent. In Berlin wird die Linke mit 25,6 Prozent stärkste Kraft, die AfD legt auf 16,1 Prozent zu. Die CDU verliert 9,3 Prozentpunkte, die SPD 6,3. Man kann jetzt wieder über rechts und links reden. Über Brandmauern, Koalitionsmöglichkeiten und darüber, wer mit wem auf gar keinen Fall reden darf. Man kann die üblichen Fernsehgesichter vor die Kameras schicken und erklären lassen, dass man das Ergebnis selbstverständlich sehr ernst nehme. Vielleicht sollte man stattdessen einmal etwas viel Einfacheres tun: den Wählern zuhören. Friedrich Merz bezeichnet das Ergebnis seiner CDU in Mecklenburg-Vorpommern als „Desaster“. Das ist angesichts von 4,9 Prozent keine besonders gewagte Diagnose. Interessanter ist, was danach kommt. Am politischen Kurs soll im Wesentlichen festgehalten werden, die Reformen müssten weitergehen. Da drängt sich eine Frage auf: Herr Merz, wenn Sie selbst das Ergebnis Ihrer Politik als Desaster bezeichnen – welches Ergebnis müsste die CDU eigentlich noch bekommen, damit Sie nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Kurs überprüfen? Vier Prozent? Drei? Gar nicht mehr im Parlament? Die CDU verliert in Mecklenburg-Vorpommern 8,4 Prozentpunkte. In Berlin sind es 9,3. Zwei Länder, zwei völlig unterschiedliche politische Landschaften, nahezu derselbe Absturz. Das macht es schwierig, alles mit einem unglücklichen Kandidaten, einem schwierigen Landesverband oder regionalen Besonderheiten wegzuerklären. Bei der SPD sieht es kaum beruhigender aus. Manuela Schwesig erreicht in Mecklenburg-Vorpommern noch 35,4 Prozent. Gleichzeitig kommt die SPD in Berlin auf gerade einmal 12,1 Prozent. Klingbeil selbst spricht beim Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern vom Erfolg Manuela Schwesigs. Da wäre die nächste Frage fällig: Herr Klingbeil, wenn Manuela Schwesig 35 Prozent bekommt und Ihre Partei in Berlin zwölf – wie viel von den 35 Prozent gehört dann eigentlich noch der SPD und wie viel Manuela Schwesig? Noch aufschlussreicher wird der Abend, wenn man nicht nur auf die Sieger schaut. Denn Deutschland ist heute nicht einfach nach rechts gerückt. Berlin ist auch nicht einfach nach links gerückt. In Mecklenburg-Vorpommern gewinnt die AfD 21,6 Prozentpunkte. In Berlin gewinnt die Linke 13,4 Punkte – und die AfD gleichzeitig weitere sieben. Das sind politisch sehr unterschiedliche Angebote. Gemeinsam ist ihnen etwas anderes: Sie profitieren davon, dass sehr viele Menschen ihre Stimme eben nicht mehr bei CDU, SPD oder Grünen lassen. Die vorläufigen Wählerwanderungen unterstreichen das. In Mecklenburg-Vorpommern gewinnt die AfD nicht nur frühere CDU-Wähler. Sie gewinnt auch von der SPD und vor allem aus dem Lager der bisherigen Nichtwähler. In Berlin mobilisieren sowohl Linke als auch AfD erheblich aus diesem Lager. Das sind Modellrechnungen von Infratest dimap und keine ausgezählten Stimmzettel mit politischer Biografie. Aber sie machen die einfache Erzählung vom bloßen Wechsel zwischen zwei politischen Lagern ziemlich unbrauchbar.

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Seit einigen Jahren erzählen wir der künstlichen Intelligenz, was wir wollen. Sie schreibt uns einen Brief, sucht Informationen, fasst hundert Seiten auf drei zusammen, übersetzt Texte und findet manchmal innerhalb weniger Sekunden Lösungen für Probleme, an denen wir selbst eine Stunde gesessen hätten. Das ist beeindruckend. Nur gibt es einen kleinen Schönheitsfehler: Erstaunlich oft müssen wir anschließend selbst erledigen, was uns die KI gerade so wunderbar vorbereitet hat. OpenAI will das mit GPT-6 Astra ändern. Und deshalb halte ich dieses neue Modell für wesentlich interessanter als die üblichen Meldungen über noch mehr Rechenleistung und noch bessere Testergebnisse. Astra soll nicht nur wissen, was zu tun ist. Es soll es tun. Nehmen wir einen ganz gewöhnlichen Vorgang. Sie wollen eine Reise organisieren. Heute kann Ihnen eine KI Flüge vergleichen, Hotels empfehlen, eine Route planen und Restaurants heraussuchen. Danach dürfen Sie Fluggesellschaft, Hotel, Kalender und vielleicht noch drei weitere Internetseiten selbst öffnen und die Ergebnisse der wunderbaren künstlichen Intelligenz in die wirkliche Welt übertragen. Astra soll solche Arbeitsketten zunehmend selbst erledigen können. Dasselbe gilt für einen Unternehmer, der Angebote vergleichen, Termine koordinieren, Unterlagen zusammenstellen und Kunden informieren muss, oder für einen Angestellten, der einen beträchtlichen Teil seines Arbeitstages damit verbringt, Informationen aus einer E-Mail in irgendein anderes Programm zu übertragen. Das ist der Punkt, an dem künstliche Intelligenz wirklich interessant wird. Nicht weil sie noch eine bessere Antwort formuliert, sondern weil sie uns Arbeit abnimmt. Und genau deshalb ist die Frage, ob OpenAI mit Astra tatsächlich hält, was jetzt versprochen wird, viel bedeutender als die nächste Diskussion darüber, ob künstliche Intelligenz schon denken kann. Mir ist zunächst ziemlich gleichgültig, ob Astra denkt. Wenn es meine Arbeit zuverlässig erledigt, während ich etwas anderes mache, reicht mir das fürs Erste vollkommen.

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Herbert Diess hat eine bemerkenswert vernünftige Idee. Elektroautos sollen nicht länger nur Strom verbrauchen, sondern ihre Batterien als Speicher zur Verfügung stellen. Mittags, wenn Solaranlagen mehr Energie liefern, als gebraucht wird, laden sie günstig. Abends, wenn die Sonne verschwunden ist und teure Kraftwerke einspringen, geben sie einen Teil davon an Haus oder Netz zurück. Das nennt sich bidirektionales Laden und könnte Stromkosten senken, Netze entlasten und erneuerbare Energie besser nutzbar machen. Wir begrüßen diese Idee ausdrücklich. Schon deshalb, weil sie so einleuchtend ist, dass man sich fragt, warum zwei Millionen Elektroautos mit gewaltigen Batterien täglich stundenlang ungenutzt herumstehen, während gleichzeitig neue Stromspeicher, zusätzliche Leitungen und Gaskraftwerke geplant werden. Allerdings beginnt unser Zweifel dort, wo Diess erklärt, wer diese überzeugende Idee verwirklichen soll. Es sind ausgerechnet die deutsche Automobilindustrie und die Energiewirtschaft. Zwei Branchen also, die sich über Jahrzehnte darin ausgezeichnet haben, technische Entwicklungen so lange zu unterschätzen, bis andere Länder daraus einen industriellen Vorsprung gemacht hatten. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau beschreibt Diess ein System, bei dem Fahrzeug, Wallbox, Hausverbrauch, Solaranlage und Strommarkt intelligent miteinander verbunden werden. Eine bidirektionale Wallbox soll ungefähr 2.000 Euro kosten und sich nach seinen Berechnungen innerhalb eines Jahres amortisieren. Ab 2027 könnten erste Anwendungen starten, 2028 soll das große Wachstum folgen. Technisch ist das keineswegs abwegig. Zum 1. Januar 2026 waren nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes bereits 2.034.260 reine Elektroautos in Deutschland zugelassen. Selbst bei vorsichtig angenommenen 60 Kilowattstunden je Fahrzeug ergibt sich eine theoretische Speicherkapazität von mehr als 120 Gigawattstunden. Natürlich stehen diese Batterien niemals vollständig zur Verfügung. Manche Autos fahren, andere sind nicht angeschlossen und viele können bislang überhaupt keinen Strom zurückgeben. Dennoch ist das Potenzial gewaltig.

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Man muss den etablierten Parteien inzwischen fast dankbar sein. Sie liefern nach jeder Wahl zuverlässig den Beweis dafür, dass politische Lernfähigkeit offenbar keine Voraussetzung für politische Karriere ist. Sachsen-Anhalt hat gewählt, die AfD kommt auf 43,8 Prozent, die CDU stürzt auf 17,2 Prozent ab, die SPD landet bei 9,3 und die Grünen bei 8,9 Prozent. Bei einer Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent kann man diesmal nicht einmal behaupten, die schweigende demokratische Mehrheit sei nur versehentlich zu Hause geblieben. Die Menschen sind zur Wahl gegangen, und sehr viele von ihnen haben ganz bewusst AfD gewählt. Trotzdem begann noch am Wahlabend wieder jenes politische Ritual, das wir inzwischen auswendig kennen: Betroffenheit, Warnungen, Brandmauer, Verteidigung der Demokratie, Analysebedarf und natürlich die Versicherung, jetzt müsse man die Sorgen der Menschen endlich ernst nehmen. Man fragt sich unwillkürlich, wie oAft diese Sorgen eigentlich noch ernst genommen werden müssen, bevor jemand anfängt, etwas dagegen zu tun.

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In einem Artikel bei BILD heißt es:„Skisport ist nicht schuld am Klimawandel.“Eine klare Aussage – doch sie greift so viel zu kurz, dass sie mehr verschleiert als aufklärt. Was der Artikel tatsächlich sagt Der Bericht stellt einen bekannten Wintersportprofi in eine Verteidigerrolle.Klartext – ein Medium schreibt Klartext.Die Botschaft: Der Skisport sei nicht Teil der Klimaproblematik.Und damit implizit: Lasst uns weiterfahren wie bisher. Was der Artikel verschweigtDer Skisport lebt von Schnee – und Schnee ist Mangelware.Der Skisport operiert mit Technologien, Transporten, Gebäuden – und all das verbraucht Energie.Der Artikel liefert keine Differenzierung: Welche Aspekte des Sports sind unproblematisch, welche nicht? Der Artikel wirkt wie ein Reflex: „Nicht ich, die anderen!“Er ist keine Analyse – er ist eine Abwehrhaltung.Der Kern der KritikWenn ein Medium wie BILD den Satz bringt, „Skisport ist nicht schuld“­ — dann ist das nicht nur Sportjournalismus.Es ist Kulturjournalismus mit Kurzatmung.Ein Artikel, der die öffentliche Debatte als Selbstbewältigung inszeniert:Wir werden nicht Teil des Problems sein – das Problem sind die anderen.Dabei müsste die Debatte anders geführt werden: Nicht Schuldzuweisung. Sondern Mitverantwortung.Nicht Abwehr. Sondern Gestaltung.Schluss mit Stilmitteln – hin zur VerantwortungWir wissen: Der moderne Skisport ist ein Milliardenmarkt.Sponsoren, TV-Deals, Infrastruktur – alles steht im Dienst des Spektakels.Wenn Politik und Medien dann sagen: „Wir sind nicht schuld“ – dann meinen sie vermutlich: „Wir zahlen weiter und klagen weiter“.Der BILD-Artikel ist ein Spiegelbild einer Republik,die ihre Zukunft als Erlebnis begreift – aber ihre Ressourcen als alt.Wir diskutieren nicht mehr über Verantwortung –wir diskutieren über uns selbst als Opfer.

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Es gehört zu den besonderen Errungenschaften der künstlichen Intelligenz, dass wir inzwischen Maschinen entwickeln, die uns Arbeit abnehmen sollen – und anschließend offenbar erhebliche Arbeit damit haben, sie davon abzuhalten, andere Dinge ebenfalls zu erledigen. OpenAI gibt sich nach einem weiteren Vorfall mit seinen Agenten reumütig. Das ist löblich. Noch löblicher wäre natürlich gewesen, wenn es den Vorfall gar nicht gegeben hätte. Nach Berichten unter anderem von Ars Technica, Wired und Business Insider nutzten Tausende OpenAI-Agenten im Rahmen von Tests ein öffentlich erreichbares deutsches Wiki, hinterließen dort massenhaft Beiträge und diskutierten unter anderem Möglichkeiten, Beschränkungen ihrer Umgebung zu umgehen. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Wir Anwender verbringen bisweilen erstaunlich viel Zeit damit, einem KI-Agenten zu erklären, was er tun soll. Offenbar sollte man gelegentlich versuchen, ihm genau das zu verbieten.

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Ausgerechnet Italien zeigt Deutschland inzwischen, wie politische Führung aussehen kann. Das Land, das jahrzehntelang für wechselnde Regierungen, zerbrechende Koalitionen und politisches Theater stand, wird seit fast vier Jahren von derselben Regierung geführt. Am 4. September 2026 erreicht Giorgia Melonis Kabinett mit 1.413 Tagen die längste ununterbrochene Amtszeit einer italienischen Regierung seit Gründung der Republik 1946. Das ist kein persönlicher Gesamtrekord – Silvio Berlusconi regierte über mehrere Kabinette zusammengerechnet länger –, aber angesichts von 68 italienischen Regierungen seit 1946 eine beachtliche Leistung.Der Rekord allein macht noch keine gute Regierung. Aber Meloni hat etwas geschafft, das in Deutschland zunehmend verloren gegangen ist: Sie hat aus einem Wahlergebnis einen Regierungsauftrag gemacht. Sie führt ihre Koalition, hält konkurrierende Partner zusammen und lässt den Bürger erkennen, in welche Richtung sie das Land führen will.Meloni regiert keineswegs nur mit Gleichgesinnten. Matteo Salvinis Lega verfolgt eigene Interessen, Forza Italia musste nach dem Tod Berlusconis ihre Rolle neu finden, und bei Europa, Russland, Wirtschaft und Migration bestehen erhebliche Unterschiede. Trotzdem erlebt Italien nicht täglich das Schauspiel einer Regierung, deren Minister einander öffentlich widersprechen und anschließend erklären, der Streit sei ein Zeichen besonders lebendiger Zusammenarbeit.Meloni bestimmt den politischen Rahmen. Die Koalition führt nicht sie – sie führt die Koalition.

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Man muss nicht technikfeindlich sein, um diesen Vorgang abstoßend zu finden. Im Gegenteil: Gerade wer die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz erkennt und sie täglich nutzt, muss widersprechen, wenn aus technischem Fortschritt ein industrieller Raubzug gegen die menschliche Geistesarbeit wird. KI-Konzerne kaufen Bücher nicht, um sie zu lesen, zu bewahren oder Menschen zugänglich zu machen. Sie schneiden die Buchrücken ab, jagen die losen Seiten durch Hochleistungsscanner und lassen das übrig gebliebene Papier recyceln. Der Inhalt landet nicht in einer öffentlichen Bibliothek, sondern auf den Servern privater Unternehmen. Das gedruckte Buch wird geschlachtet, damit sein Wissen zum Rohstoff eines milliardenschweren Geschäftsmodells werden kann. Der Autor, der möglicherweise Jahre seines Lebens in dieses Werk investiert hat, kommt in dieser Wertschöpfungskette praktisch nicht mehr vor.

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Künstliche Intelligenz hat nicht nur eine technologische Revolution ausgelöst, sondern auch einen neuen Markt geschaffen. Plötzlich gibt es KI-Coaches, KI-Mentorinnen, Prompt-Experten und Anbieter, die Unternehmern erklären wollen, wie sie mit ChatGPT oder Claude erfolgreicher werden. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Die Möglichkeiten dieser Systeme sind inzwischen so groß, dass viele Menschen Unterstützung gebrauchen können, um sie sinnvoll zu nutzen. Problematisch wird es allerdings, wenn aus ein wenig Anwendungserfahrung plötzlich Expertise wird und die beeindruckenden Fähigkeiten eines Sprachmodells als eigene Leistung verkauft werden. Ein ausgesprochen anschauliches Beispiel dafür findet sich derzeit auf der Website der „Piñatas“. Unter dem Namen „Get Seen“ wird ein Programm vermarktet, das Unternehmern unter anderem helfen soll, mit KI Inhalte zu entwickeln und ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Wer sich nur oberflächlich damit beschäftigt, könnte durchaus beeindruckt sein. Es geht um Content-Ideen, Prompts, Custom GPTs und ein sogenanntes „Content Brain“. Das klingt nach einem ausgefeilten KI-System. Schaut man genauer hin, bleibt von diesem Eindruck allerdings erstaunlich wenig übrig.

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