Zwei Drittel der Deutschen lehnen Länderfusionen ab. Man liest diese Zahl und fragt sich unweigerlich: Wovor eigentlich? Vor Effizienz? Vor Rationalität? Vor der Zumutung, dass Strukturen überprüft werden, die seit Jahrzehnten sichtbar nicht mehr funktionieren? Oder schlicht vor Veränderung in einem Land, das sich daran gewöhnt hat, Probleme zu verwalten, statt sie zu lösen?
Die föderale Ordnung Deutschlands ist kein sakrosanktes Kulturgut, sondern ein historisches Verwaltungsmodell, das unter heutigen Bedingungen an seine Grenzen stößt. 16 Bundesländer bedeuten nicht Vielfalt, sondern 16-fache Bürokratie: 16 Kultusministerien, 16 Bauordnungen, 16 Polizeistrukturen, 16 IT-Systeme, 16 Datenschutz-Auslegungen. Das ist kein Föderalismus mehr, das ist organisierte Ineffizienz.
Dass ausgerechnet der Vorschlag von Markus Söder, Länder zusammenzulegen, reflexhaft abgelehnt wird, sagt weniger über den Vorschlag als über den Zustand der politischen Debatte. Denn die Ablehnung ist nicht rational begründet. Sie ist emotional. Identität, Heimatgefühl, Landesfarben – als ginge es um den Abriss von Kathedralen und nicht um Verwaltungsgrenzen aus dem 20. Jahrhundert.
Was mich besonders irritiert: Niemand widerspricht den Problemen. Jeder weiß, dass der Föderalismus teuer ist. Jeder weiß, dass er Reformen blockiert. Jeder weiß, dass er Digitalisierung verhindert und Verantwortlichkeiten verwischt. Aber sobald jemand den logischen nächsten Schritt denkt, heißt es: „So doch nicht!“
Die Botschaft lautet: Wir wissen, dass es falsch ist – aber bitte lasst es genau so.
Diese Haltung ist bequem, aber gefährlich. Sie konserviert Strukturen, die längst nicht mehr leistungsfähig sind. Sie schützt politische Karrieren, Zuständigkeiten und Besitzstände – aber nicht den Staat als Ganzes. Länderfusionen wären kein Allheilmittel, aber sie wären ein Signal, dass man bereit ist, über Effizienz, Zuständigkeit und Leistungsfähigkeit ernsthaft zu sprechen.
Die verbreitete Angst vor „Chaos“ wirkt dabei vorgeschoben. Chaos entsteht nicht durch Reformen, sondern durch Reformverweigerung. Chaos entsteht, wenn 16 Länder bei jeder Krise anders reagieren, anders regulieren, anders entscheiden. Wir haben das in der Pandemie gesehen, bei der Energiepolitik, in der Bildung, bei Infrastrukturprojekten. Das Chaos ist längst da – es trägt nur den Namen Föderalismus.
Warum also diese massive Ablehnung? Meine Erklärung ist ernüchternd: Es ist kein Votum gegen Länderfusionen, sondern ein Votum gegen politische Zumutungen. Die Menschen trauen der Politik schlicht nicht mehr zu, große Reformen kompetent umzusetzen. Sie fürchten nicht die Idee, sondern die Ausführung. Und das ist ein vernichtendes Urteil über den Zustand politischer Führung in Deutschland.
Denn eigentlich müsste die Frage lauten: Warum sollten wir uns 16 ineffiziente Verwaltungen leisten, wenn weniger besser funktionieren könnten?
Stattdessen wird gefragt: Warum sollten wir etwas ändern, das wir kennen, auch wenn es schlecht ist?
Wer Länderfusionen ablehnt, verteidigt nicht Demokratie oder Vielfalt. Er verteidigt ein System, das sich selbst blockiert. Ein Staat, der sich aus Angst vor Protest nicht mehr strukturell erneuert, wird handlungsunfähig. Und genau das erleben wir gerade – nicht als Theorie, sondern als Alltag.
Deshalb halte ich Länderfusionen für richtig, notwendig und überfällig. Nicht als Schnellschuss, sondern als Teil eines größeren Reformdenkens. Dass so viele diesen Gedanken reflexhaft ablehnen, ist für mich weniger ein Zeichen von Weisheit als von kollektiver Reformmüdigkeit.
Und die ist auf Dauer weit gefährlicher als jede Neuordnung der Landkarte.
