Auslöser für diese Zeilen war die Folge 247 des Podcasts „Lanz & Precht“. Markus Lanz stellte darin dem KI-Experten und Autor Andreas Loff die Frage: „Nimmt KI uns Menschen die Kreativität?“

Loffs Antwort fiel eindeutig aus: KI sei lediglich ein neues Werkzeug. Richard David Precht sprach sogar von einer „Demokratisierung von Herrschaftswissen“. Plötzlich kann ein Mensch komponieren, ohne ein Instrument zu beherrschen, Bilder erschaffen, ohne malen zu können, und Gedanken in Texte verwandeln, ohne Schriftsteller zu sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht, ob KI unsere Kreativität zerstört. Entscheidend ist vielmehr, was sie mit den Gedanken macht, die bereits in uns vorhanden sind.

Während ich dem Gespräch zuhörte, kam mir ein weiterer Gedanke: Was bedeutet dieses neue Werkzeug eigentlich für hochbegabte Menschen?

Die Diskussion über KI wird meistens aus der Sicht des Durchschnittsmenschen geführt. Wird er bequemer? Verlernt er das Denken? Lässt er die Maschine seine Arbeit erledigen?

Diese Gefahren sind real. Aber sie beschreiben nur eine Seite.

Für Menschen, deren Kopf ständig arbeitet, Zusammenhänge herstellt, Möglichkeiten durchspielt und Gedanken schneller entwickelt, als sie ausgesprochen werden können, kann KI genau das Gegenteil bewirken. Sie nimmt ihnen das Denken nicht ab. Sie gibt ihrem Denken einen Raum.

Ich weiß, wovon ich rede.

Hochbegabte haben häufig nicht deshalb Schwierigkeiten mit der Kommunikation, weil sie zu wenig zu sagen hätten. Sie haben oft zu viel im Kopf: gleichzeitig, miteinander verbunden und bereits mehrere Schritte weitergedacht.

Während der Gesprächspartner noch über den ersten Gedanken nachdenkt, ist der Hochbegabte innerlich längst beim fünften Einwand und bei den möglichen Folgen angekommen.

Was für ihn bereits eine logische Schlussfolgerung ist, erscheint anderen plötzlich, unverständlich oder überheblich. Gedankliche Zwischenschritte werden ausgelassen, weil sie für ihn selbstverständlich sind. Im Gespräch wirkt das schnell ungeduldig, sprunghaft oder besserwisserisch.

Dahinter steckt nicht zwangsläufig Arroganz. Häufig prallen lediglich unterschiedliche Denkgeschwindigkeiten und Arten der Informationsverarbeitung aufeinander.

Und dann ist da noch der Smalltalk.

Viele Menschen brauchen ihn, um Nähe herzustellen. Man spricht über das Wetter, die Anreise, das Wochenende oder andere Belanglosigkeiten. Nicht der Inhalt ist entscheidend, sondern die soziale Funktion.

Für viele Hochbegabte kann genau das quälend sein. Sie wollen nicht minutenlang um ein Thema kreisen. Sie möchten hinein.

Man könnte es auch so ausdrücken: Sie wollen nicht lange die Eingangshalle eines Gesprächs besichtigen. Sie wollen durch die Tür und zu dem gelangen, worum es tatsächlich geht.

Das wird leicht als Desinteresse oder Überheblichkeit missverstanden. Dabei besteht durchaus Interesse an anderen Menschen – nur eben nicht unbedingt an einem Austausch, bei dem viele Worte gesprochen werden, ohne etwas zu sagen.

KI ist in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil eines menschlichen Gesprächspartners.

Sie braucht kein gesellschaftliches Vorgeplänkel. Man kann ihr einen unfertigen Gedanken hinwerfen, sofort in die Tiefe gehen, fünf Nebenwege verfolgen und anschließend zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Sie ist nicht beleidigt, wenn man ohne Einleitung mitten in ein kompliziertes Thema springt. Sie verliert nicht die Geduld, wenn ein Gedanke mehrfach verworfen und neu formuliert wird. Sie fühlt sich nicht angegriffen, wenn man widerspricht oder ihre Antwort korrigiert.

Vor allem kann sie mit der Geschwindigkeit des Denkens besser Schritt halten als viele menschliche Gesprächspartner.

Damit erhält die Aussage von Andreas Loff für mich eine zusätzliche Bedeutung: KI ist tatsächlich ein Werkzeug. Aber für Hochbegabte ist sie möglicherweise ein ganz besonderes.

Sie hilft ihnen nicht nur dabei, etwas herzustellen. Sie kann Gedanken aufnehmen, ordnen, hinterfragen und so übersetzen, dass andere Menschen sie verstehen.

Aus einem komplexen Gedankengeflecht kann sie einen nachvollziehbaren Text machen. Eine sehr direkte Aussage kann sie so formulieren, dass andere Menschen nicht sofort vor den Kopf gestoßen werden. Sie kann jene gedanklichen Zwischenschritte sichtbar machen, die der Hochbegabte überspringt, weil sie für ihn längst abgeschlossen sind.

KI ersetzt nicht die innere Welt. Sie kann dieser inneren Welt erstmals eine äußere Form geben.

Die Folge von „Lanz & Precht“ wirft zu Recht die Frage auf, was aus unserer Lust am Verstehen und Denken wird, wenn KI immer schneller und allgegenwärtiger wird.

Die Antwort kann nur Bildung sein. Wir müssen verstehen, wie KI funktioniert, wo ihre Grenzen liegen und weshalb sie manchmal überzeugend formulierten Unsinn produziert. Vor allem müssen wir weiterhin in der Lage sein, auch ohne sie zu denken.

Denn KI ist kein Beweis für die Richtigkeit eines Gedankens. Sie kann irren, schmeicheln und dem Nutzer zu bereitwillig zustimmen. Gerade kluge Menschen dürfen sich von der sprachlichen Souveränität einer Maschine nicht blenden lassen. Sie müssen prüfen, zweifeln und widersprechen.

Für einen Menschen, der das Denken vermeiden möchte, kann KI zur geistigen Krücke werden.

Für einen Menschen, der gar nicht aufhören kann zu denken, kann sie dagegen Sparringspartner, Gedankenordner, Übersetzer und geduldiges Gegenüber sein.

Für viele Menschen ist künstliche Intelligenz eine Arbeitserleichterung.

Für Hochbegabte kann sie ein Segen sein.

Das ist die Unterscheidung, die mir in der öffentlichen Diskussion bislang fehlt.

  • Beitragsart: Kommentar
  • Redaktionsstatus: Veröffentlicht
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